Zusammenfassung: Mein zweiter echter Fall für den „KI-Anwalt“ ChatGPT – und diesmal mit einem ganz anderen Ausgang. Gegen die LVM hatte ChatGPT mich bei einer Klage unterstützt, die ich am Ende verlor. Diesmal ging es um die verlorene Vintage-Uhr meines Großvaters. Ein Juwelier wollte zunächst nur die 500 Euro weitergeben, die der Paketdienst für den Verlust zahlte. Mit ChatGPT reduzierte ich meine zunächst viel zu emotionale Schadensvorstellung, recherchierte Wert und Rechtslage und klagte schließlich selbst auf weitere 3.000 Euro. Nach Zustellung der Klage rief mich der Juwelier an und wollte sich doch einigen. Der interessanteste Beitrag von ChatGPT kam erst jetzt: nicht als KI-Anwalt, der mir noch ein Argument für den Sieg liefert, sondern als Verhandlungsberater. Am Ende brauchten wir weder mündliche Verhandlung noch Urteil.

1. Was passiert ist

Mein Großvater ist seit vielen Jahren tot. Von ihm hatte ich eine alte mechanische Armbanduhr geerbt, die danach mehr als zehn Jahre bei mir im Schrank lag. Es gibt alte Familienfotos, auf denen er sie trägt. Eine Rechnung, Originalpapiere oder vernünftige Detailfotos hatte ich nicht.

Anfang 2025 wollte ich die Uhr wieder tragen. Sie lief noch, aber nicht zuverlässig, also brachte ich sie zu einem örtlichen Juwelier. Er wollte die alte Uhr nicht selbst überholen und schlug einen Spezialisten vor, der sie zunächst untersuchen und einen Kostenvoranschlag erstellen sollte. Ich stimmte zu.

Über den Wert der Uhr sprachen wir nicht. Ich wusste selbst nicht genau, was sie wert war, und der Juwelier fragte nicht danach. Ebenso wenig sprachen wir darüber, wie die Uhr verschickt werden sollte oder welche Haftungsgrenzen dabei bestanden. Den Versand organisierte der Juwelier.

Die Uhr kam beim Spezialisten nie an.

Nach einigen Wochen war klar, dass das Paket verschwunden war. Der Paketdienst zahlte 500 Euro. Der Juwelier gab mir diese 500 Euro vollständig weiter und entschuldigte sich. Seine eigene Versicherung zahlte nach seiner Darstellung nichts zusätzlich.

Seine Position war zunächst durchaus nachvollziehbar: Er hatte die Uhr nicht selbst verlegt, der Verlust war beim Paketdienst eingetreten und die dort erhaltenen 500 Euro hatte er vollständig an mich weitergegeben. Für mich blieb aber das Problem, dass ich weder den Paketdienst noch die Versandart ausgesucht hatte und über eine mögliche Begrenzung auf 500 Euro nie gesprochen worden war.

2. Was ChatGPT juristisch daraus gemacht hat

Eine Vorbemerkung ist mir wichtig: Ich bin Informatiker und kein Jurist. Alles Rechtliche im Folgenden gibt im Wesentlichen wieder, wie ChatGPT die Rechtslage eingeschätzt hat und wie ich diese Antworten verstanden habe. Ich kann nicht garantieren, dass das vollständig oder richtig ist. Genau diese Unsicherheit ist Teil des Experiments.

Meine erste Reaktion auf den Verlust war emotional. Die Uhr meines Großvaters konnte niemand ersetzen. Eine andere Uhr desselben Modells wäre vielleicht wirtschaftlich vergleichbar, aber eben nicht seine Uhr. Subjektiv hätte ich deshalb ohne Weiteres sagen können: Die Uhr war mir 10.000 Euro wert.

ChatGPT erklärte mir ziemlich schnell, dass mir dieser Erinnerungswert rechtlich wenig helfen dürfte. Für eine Geldforderung müsse ich mich im Wesentlichen daran orientieren, was eine vergleichbare Uhr wirtschaftlich wert gewesen sei.

Das war bereits eine interessante Leistung meines KI-Anwalts: ChatGPT half mir nicht, meine Forderung möglichst groß zu machen, sondern sie kleiner und realistischer zu machen.

Bei der Uhr handelte es sich um eine Universal Genève Polerouter, eine inzwischen durchaus gesuchte Vintage-Uhr. Erst nach ihrem Verlust beschäftigte ich mich näher damit. Etwas absurd war schon, dass ich ausgerechnet dann anfing, mich ernsthaft für die Uhr meines Großvaters zu interessieren, als ich sie nicht mehr hatte.

Die Preise waren schwer einzuordnen. Ich fand Uhren unter 2.000 Euro, viele deutlich darüber und einzelne Händlerangebote um 6.000 Euro oder mehr. ChatGPT half mir, einen hohen Angebotspreis nicht einfach mit dem tatsächlichen Marktwert meiner Uhr gleichzusetzen. Eine frisch überholte Sammleruhr war außerdem etwas anderes als meine Uhr, die gerade wegen ihres Wartungsbedarfs zum Juwelier gegangen war.

Das größte Problem hatte ich selbst verursacht: Ich hatte keine guten Detailfotos gemacht. Nach dem Verlust konnte niemand mehr zuverlässig feststellen, wie gut Gehäuse und Zifferblatt erhalten waren oder ob wirklich alle Teile original waren.

Ich ging zunächst von ungefähr 4.000 Euro aus. Nach weiteren Runden mit ChatGPT reduzierte ich meine Bewertung schließlich auf 3.500 Euro. Die bereits erhaltenen 500 Euro zog ich ab. Es blieben 3.000 Euro.

Aus einem emotional gefühlten Schaden von vielleicht 10.000 Euro war damit eine ziemlich nüchterne Forderung geworden.

Diesmal sollte ChatGPT ausdrücklich gegen mich argumentieren

Mein bislang einziger echter Test von ChatGPT als Rechtsberater war das LVM-Verfahren gewesen. Dort hatte ich gelernt, dass ChatGPT eine Rechtsposition sehr überzeugend begründen kann, ohne dass sie deshalb richtig sein muss. Deshalb ließ ich die KI diesmal ausdrücklich auch die Seite des Juweliers vertreten und nach den stärksten Argumenten gegen mich suchen.

ChatGPT fand zunächst eine ältere BGH-Entscheidung, die ziemlich gut zu meinem Fall zu passen schien. Danach können einen Werkunternehmer Obhutspflichten für Sachen treffen, die ihm ein Kunde zur Untersuchung oder Reparatur überlässt. ChatGPT hielt dabei insbesondere BGH VII ZR 302/75 für einschlägig.

Dann fand ChatGPT ausgerechnet einen BGH-Fall über Kundenschmuck bei einem Juwelier. Nach ChatGPTs Einordnung folgt daraus gerade keine allgemeine Pflicht eines Juweliers, Kundeneigentum immer vollständig gegen jedes Verlustrisiko zu versichern. Der BGH verwies den Fall zunächst zurück; nach weiterer Beweisaufnahme verlor der damalige Kunde schließlich vor dem Landgericht Lüneburg.

Mein Fall war nicht identisch. Im BGH Fall ging es um einen Raubüberfall, bei mir um einen vom Juwelier organisierten Versand. Ob dieser Unterschied juristisch tatsächlich entscheidend ist, konnte ich selbst nicht beurteilen.

Gerade wegen meiner Erfahrungen aus dem LVM-Verfahren prüfte ich die zentralen Fundstellen diesmal noch einmal separat. Dabei bestätigte sich ein anderes Problem von ChatGPT: Ein Urteil kann real sein und trotzdem von der KI zunächst zu selbstbewusst oder zu weitgehend interpretiert werden. Bei mehreren Runden musste die Einordnung deshalb präzisiert werden.

Auch bei der Frage, wie das Verhalten des Paketdienstes rechtlich dem Juwelier zugerechnet werden könnte, klang eine frühe Antwort sehr eindeutig. Nach erneuter Prüfung wurde ChatGPT wesentlich vorsichtiger. Andere mögliche rechtliche Wege tauchten überhaupt erst auf, nachdem ich ausdrücklich fragte, was die bisherige Analyse vielleicht vollständig übersehen hatte.

Meine wichtigste Erkenntnis daraus:

Revisionen helfen. Sie beweisen aber nichts.

Wenn ChatGPT in Runde drei einen Fehler aus Runde eins entdeckt, weiß ich immer noch nicht, welchen Fehler eine vierte Runde finden würde.

3. Meine Bewertung: Reichte das für eine Klage?

Meine Schlussfolgerung war deshalb nicht: „Ich habe eindeutig Recht.“

Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass meine Position gut genug war, um sie weiterzuverfolgen. Gleichzeitig gab es erhebliche Unsicherheiten. Vielleicht hatte ChatGPT die Rechtslage falsch eingeschätzt. Vielleicht würde ein Richter den Versand anders beurteilen. Und selbst wenn ich bei der Haftung Recht bekam, blieb offen, welchen Wert ein Gericht meiner konkreten Uhr zuschreiben würde.

Bevor ich klagte, versuchte ich noch einmal, die Sache direkt mit dem Juwelier zu lösen. Ich erläuterte ihm meine Bewertung und machte deutlich, dass mir eine außergerichtliche Einigung lieber wäre. Er blieb jedoch im Ergebnis bei den bereits gezahlten 500 Euro.

Gerade hier war meine Erfahrung aus dem LVM-Verfahren wichtig. Dort hatte ChatGPT ebenfalls überzeugende Argumente geliefert, und trotzdem verlor ich. Bis heute ist für mich nicht vollständig geklärt, ob die entscheidenden Fehler bei ChatGPT, bei mir oder in der aus meiner Sicht zumindest bemerkenswerten Verfahrensführung des Gerichts lagen.

Eine positive Einschätzung von ChatGPT bedeutete für mich deshalb inzwischen nicht mehr:

„Ich werde gewinnen.“

Sondern:

„Es gibt gute Gründe, diesen Anspruch weiterzuverfolgen.“

Das genügte mir.

Im Juli 2025 reichte ich selbst beim Amtsgericht Klage über die verbleibenden 3.000 Euro ein. Einen Anwalt hatte ich nicht.

4. Vom KI-Anwalt zum Verhandlungsberater

Einige Zeit später bekam der Juwelier die Klage vom Amtsgericht zugestellt. Nun stand die Forderung von 3.000 Euro schwarz auf weiß in einem gerichtlichen Schreiben.

Kurz danach rief er mich an.

Auch er hatte keinen Anwalt eingeschaltet. Er entschuldigte sich noch einmal und sagte sinngemäß, dass er inzwischen nachvollziehen könne, warum seine bisherige Reaktion für mich unbefriedigend gewesen sei. Er habe zunächst vor allem gesehen, dass der Paketdienst 500 Euro gezahlt habe und er diesen Betrag vollständig weitergegeben habe.

Dann fragte er, ob wir nicht doch eine gütliche Lösung finden könnten.

Ich sagte ja. Ich hatte kein Interesse daran, einen kleinen Juwelier vor Gericht zu besiegen. Die Uhr war weg und ich würde sie auch nicht wiederbekommen. Ich wollte einen vernünftigen Ersatz für die verlorene Uhr und einen Abschluss, mit dem ich leben konnte.

Nun bekam ChatGPT eine neue Aufgabe. Es ging nicht mehr primär darum, welche Rechtsposition stärker war, sondern darum, welche Leistungen für mich einen hohen Wert haben könnten, den Juwelier aber weniger kosten als dieselbe Summe Bargeld – und umgekehrt.

ChatGPT produzierte verschiedene Möglichkeiten. Nicht alle waren beeindruckend. ChatGPT schlug beispielsweise vor, dem Juwelier einen Vergleich vorzuschlagen, und unter anderem eine Ratenzahlung anzubieten. Bei einer Forderung von 3.000 Euro gegen einen laufenden Juwelierbetrieb bestand mein Problem nun wirklich nicht darin, ob ich das Geld vielleicht in zwölf bequemen Monatsraten bekommen könnte. Auch Zahlungsaufschub oder Zinsverzicht waren Lösungen für Probleme, die wir gar nicht hatten.

Interessant fand ich dagegen die Idee, nicht ausschließlich über Bargeld zu verhandeln.

Wenn ich vor Gericht 3.000 Euro gewann, würde ich einen großen Teil davon wahrscheinlich ohnehin wieder für eine gute mechanische Uhr ausgeben, als Erinnerung an meinen Großvater. Eine Gutschrift hingegen wäre für mich zwar weniger flexibel als Bargeld, könnte aber attraktiv sein, wenn beim Juwelier tatsächlich eine Uhr stand, die ich gerne haben wollte.

Für den Juwelier sah dieselbe Rechnung anders aus. Eine Uhr mit einem Verkaufspreis von 3.000 Euro kostet ihn selbst weniger als eine Überweisung über 3.000 Euro.

Ich schlug deshalb zunächst eine Gutschrift über 3.000 Euro vor.

Der Juwelier machte einen Gegenvorschlag: 2.500 Euro Gutschrift und die erste normale Revision meiner neuen Uhr später auf seine Kosten. Außerdem würde er die Prozesskosten übernehmen.

Das überzeugte mich. Bemerkenswert war dabei auch: Die Idee mit der späteren Revision kam nicht von ChatGPT, sondern vom Juwelier.

ChatGPT hatte also nicht den perfekten Vergleich erfunden. Es hatte einen größeren Lösungsraum erzeugt – einschließlich einiger ziemlich alberner Vorschläge. Eine brauchbare Richtung erkannte ich selbst, und die endgültige Lösung entstand anschließend zwischen zwei Menschen.

Der Suchraum wurde größer. Die Auswahl traf weiterhin der Mensch.

5. Meine Bewertung: Warum ich den Vergleich angenommen habe

Ich hielt meine Position weiterhin für gut und hätte den Prozess fortsetzen können. Der Vergleich löste mein eigentliches Problem aber ziemlich gut.

Ich hatte bereits 500 Euro erhalten. Hinzu kamen 2.500 Euro Gutschrift und später die erste normale Revision meiner neuen Uhr. Die Gutschrift war weniger flexibel als Bargeld, aber ich hatte dort tatsächlich eine Uhr gefunden, die ich gerne haben wollte.

ChatGPT wies auch noch auf mögliche Zinsen und Nebenforderungen hin. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich aber nicht mehr herausfinden, welche zusätzlichen 83 Euro sich vielleicht noch irgendwo begründen ließen. Mir ging es inzwischen nicht mehr um Maximierung, sondern um eine vernünftige Gesamtlösung.

Hinzu kam das Prozessrisiko. Vielleicht war ChatGPTs rechtliche Einschätzung falsch. Vielleicht hätte ein Gericht den Wert meiner Uhr niedriger angesetzt. Und aus dem LVM-Verfahren wusste ich inzwischen, dass zwischen einer überzeugenden Analyse und einem tatsächlich günstigen Urteil einiges passieren kann.

Der Juwelier übernahm zudem die Prozesskosten. Wir hielten die Einigung schriftlich im laufenden Verfahren fest. Eine mündliche Verhandlung war nicht mehr nötig.

Die Bilanz war für mich einfach:

  • 500 Euro hatte ich bereits erhalten.
  • Hinzu kamen 2.500 Euro Gutschrift.
  • Der Juwelier übernahm die erste Revision meiner neuen Uhr.
  • Er übernahm auch die Prozesskosten.
  • Dafür war der Rechtsstreit endgültig beendet.

Ein Urteil gibt es deshalb nicht. Ich weiß bis heute nicht, ob ich die 3.000 Euro vollständig zugesprochen bekommen hätte. Hätte der Juwelier nach Zustellung der Klage nicht angerufen, hätte ich weitergemacht.

Gerade weil ich den Ausgang nicht sicher vorhersehen konnte, war der Vergleich für mich kein halber Sieg, sondern ein gutes Ergebnis.

6. Die menschliche Seite

Fast genauso wichtig wie die wirtschaftliche Einigung war mir die Entschuldigung des Juweliers.

Er hatte sich bereits für den Verlust der Uhr entschuldigt. Nach Zustellung der Klage entschuldigte er sich aber auch dafür, wie er anschließend mit der Situation umgegangen war. Das veränderte meine Sicht auf den Streit.

Rückblickend glaube ich, dass die Klage wahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre. Hätte er mir gleich gesagt: „Die 500 Euro reichen für eine vernünftige Ersatz-Uhr vermutlich nicht. Ich kann Ihnen nicht einfach mehrere tausend Euro bar zahlen, aber lassen Sie uns gemeinsam nach einer Lösung suchen“, hätte ich wahrscheinlich auch einen deutlich kleineren Gutschein akzeptiert.

Nicht weil die Uhr dann weniger wert gewesen wäre, sondern weil ich gesehen hätte, dass der Verlust ernst genommen wird.

Am Ende hatte ich deshalb nicht das Gefühl, einen Gegner besiegt zu haben. Wir hatten einen Konflikt gelöst.

7. Warum beschäftige ich mich überhaupt mit solchen Fällen?

Man kann sich natürlich fragen, warum ich überhaupt Zeit in solche Auseinandersetzungen investiere. Die Antwort ist nicht, dass ich besonders gern streite. Die Gründe waren in den einzelnen Fällen sehr unterschiedlich.

Bei meinem ersten Fall gegen Lufthansa (ohne ChatGPT) ging es irgendwann tatsächlich ums Prinzip. Lufthansa hatte mir die Erstattung zugesagt und zahlte trotzdem nicht. Nach einer aus meiner Sicht absurden Vorgeschichte fand ich das Verhalten irgendwann schlicht asozial und wollte nicht akzeptieren, dass sich ein großes Unternehmen darauf verlassen kann, dass ein einzelner Kunde irgendwann entnervt aufgibt. Damals gab es für mich noch keine brauchbare KI-Unterstützung. Wirtschaftlich war mein eigener Zeitaufwand vermutlich absurd hoch. Dafür lernte ich erstmals sehr konkret, wie ein Zivilprozess funktioniert – und gewann.

Dann kam der LBV-Fall – wieder vollständig ohne KI. Dort investierte ich Stunden über Stunden in Schreiben, rechtliche Formulierungen und die Frage, wie ich auf einzelne Argumente reagieren sollte. Gerade bei der rechtlichen Interpretation war ich oft unsicher. Im Nachhinein hätte ich mir dort ein gutes ChatGPT sehr gewünscht. Der Aufwand war allerdings gerechtfertigt: Hätte ich die ursprüngliche Berechnung der LBV zu meinen Pensionsansprüchen akzeptiert, wäre eine spätere Korrektur kaum noch möglich gewesen. Durch meinen erfolgreichen Widerspruch ergibt sich für mich über die spätere Versorgung gerechnet ein wirtschaftlicher Vorteil in der Größenordnung von 100.000 Euro. Und hier wird für mich die Lernkurve interessant. Ohne die vorherige Erfahrung mit Lufthansa hätte ich mir den LBV-Fall vermutlich nicht zugetraut. Man übt solche Dinge eben auch, bevor es wirklich darauf ankommt. Einmal geht es um einige hundert Euro wie bei Lufthansa, beim nächsten Mal plötzlich um einen sechsstelligen Betrag.

Der LVM-Fall war der erste KI-Fall. Natürlich ging es mir dort auch um meinen Anspruch. Gleichzeitig war ChatGPT gerade neu genug, dass die Sache für mich als Informatiker und Professor fast zwangsläufig zu einem Experiment wurde: Kann ein Sprachmodell einen juristischen Laien tatsächlich bei einem Gerichtsverfahren unterstützen? Das Experiment endete mit einer Niederlage. Trotzdem war es für mich sehr wertvoll. Ich lernte einiges über Gerichtsverfahren und sehr viel darüber, wie überzeugend ChatGPT auch dann klingen kann, wenn seine Analyse falsch oder zumindest unvollständig ist.

Beim Juwelier geht es nun wieder um einige tausend Euro. Gleichzeitig kostet mich die Auseinandersetzung gefühlt deutlich weniger Aufwand als früher. Ich kenne inzwischen viele der grundlegenden Schritte, und zusätzlich werden die KI-Systeme besser.

Der Aufwand zahlt sich für mich deshalb mehrfach aus: im konkreten Fall möglicherweise finanziell, beruflich durch Erkenntnisse über intelligente Systeme und langfristig durch Erfahrung, die beim nächsten wichtigeren Fall einen erheblichen Wert haben kann.

8. Wenn Rechtsdurchsetzung irgendwann nur noch Minuten kostet

Langfristig finde ich diese Entwicklung fast spannender als den konkreten Uhrenfall.

Heute gibt man einen Anspruch über 100 oder 300 Euro häufig auf. Ein Anwalt lohnt sich kaum, und mehrere Abende eigener Recherche ebenfalls nicht. Nicht weil der Anspruch weniger berechtigt wäre, sondern weil seine Durchsetzung zu teuer ist.

Ich halte es für durchaus realistisch, dass sich diese Grenze mit ChatGPT und vergleichbaren Systemen stark verschiebt. Wenn das Analysieren eines Schreibens, das Erstellen einer einfachen Klage, die Auswertung einer Erwiderung und das Entwickeln möglicher Vergleiche irgendwann nur noch wenige Minuten menschliche Arbeit benötigen, wird Rechtsdurchsetzung auch bei Kleinstbeträgen rational.

Gerade beim LBV sehe ich im Nachhinein, wie viel Zeit ein wirklich guter KI-Rechtsberater hätte sparen können. Dort war der enorme Aufwand wegen des möglichen sechsstelligen Effekts sinnvoll. Bei einer Forderung über 200 Euro wäre er vollkommen irrational gewesen. Sinkt derselbe Aufwand von Stunden auf Minuten, verändert sich diese Rechnung grundlegend.

Das hat natürlich eine Kehrseite. Wenn Streiten billig wird, wird auch unnötiges Streiten billig. Und wenn beide Seiten KI einsetzen, könnten irgendwann nicht mehr die Schriftsätze, sondern die Gerichte selbst der Engpass sein.

Ein guter KI-Rechtsberater müsste deshalb gerade nicht nur möglichst überzeugende Klagen schreiben. Er müsste auch sagen können:

„Lass es. Deine Position ist zu schwach.“

Oder wie in meinem Fall:

„Du hast möglicherweise eine gute Position. Aber vielleicht ist eine Einigung für dich besser als das Risiko eines Urteils.“

9. Was bleibt vom „KI-Anwalt“?

Vor diesem Fall hatte ich ChatGPT erst einmal wirklich als KI-Anwalt in einem Gerichtsverfahren eingesetzt – gegen die LVM. Das Ergebnis war eine Niederlage.

Diesmal verlief es anders.

Die bekannten Stärken und Schwächen bestätigten sich. ChatGPT kann Informationen schnell strukturieren, mögliche Argumente und Gegenargumente erzeugen und bei gezielter Kritik seine eigenen Antworten verbessern. Aber: Revisionen helfen. Sie beweisen nichts.

Neu war für mich diesmal vor allem die Rolle als Verhandlungsberater.

Der nützlichste Beitrag der KI kam möglicherweise gerade nicht dort, wo es um Recht ging. Zunächst redete mir ChatGPT meine emotional viel zu hohe Vorstellung vom Schaden aus. Später zwang ich es dazu, Argumente gegen meine eigene Position zu suchen. Und am Ende half es mir, aus einer festgefahrenen Geldforderung wieder einen offenen Lösungsraum zu machen.

Vielleicht können solche Systeme deshalb nicht nur die Kosten der Rechtsdurchsetzung senken. Vielleicht können sie auch die Kosten der Konfliktlösung senken. ChatGPT fand dafür nicht die perfekte Antwort. Manche Vorschläge waren sogar ziemlich schlecht. Der Suchraum wurde größer. Die Auswahl traf weiterhin der Mensch.

Vielleicht ist das eine realistischere Vorstellung eines zukünftigen KI-Rechtsberaters als eine Maschine, die jede Rechtsfrage richtig beantwortet. Ein guter KI-Rechtsberater müsste nicht nur fragen: “Wer hat Recht?” Sondern auch:

Was willst du eigentlich erreichen? Wie sicher ist die rechtliche Einschätzung? Welche Risiken bleiben? Und gibt es eine Lösung, mit der du besser leben kannst als mit einem Urteil?

In diesem Fall war genau diese letzte Frage für mich die wertvollste.

Hinweis: Ich bin Informatiker und kein Jurist. Die rechtlichen Aussagen in diesem Beitrag geben wieder, wie ChatGPT die Rechtslage in meinen Recherchen eingeschätzt hat und wie ich diese Einschätzungen verstanden habe. Ich kann nicht garantieren, dass diese rechtlichen Bewertungen vollständig oder richtig sind. Der Beitrag ist keine Rechtsberatung.


Joeran Beel

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