Liebe Studierende der Universität Siegen,

wenn Sie irgendwann in Ihrem Leben ein Start-up gründen wollen, dann tun Sie es nicht „irgendwann“. Tun Sie es jetzt — während des Studiums oder direkt danach.

Nicht, weil es jetzt einfach ist. Eine Unternehmensgründung ist nie einfach. Aber nie wieder wird eine Unternehmensgründung so risikolos sein; nie wieder werden Sie so viel Energie haben; nie wieder werden Sie so kreativ sein; und nie wieder werden Sie so enthusiastisch sein wie jetzt. Schauen Sie sich Ihre Eltern an, oder die Professoren an der Universität Siegen, und Sie wissen, was ich meine.

Erstellt mit ChatGPT von OpenAI, dem “Non-Profit” Unternehmen, das nun Milliarden wert ist. Wenn Sam Altman das kann, warum nicht auch Sie?

Während des Studiums hat man meistens wenig Geld, wenig Besitz, wenig Verpflichtungen und einen Lebensstandard, der ohnehin schon nah an einer schlecht finanzierten Seed-Phase liegt. Man lebt von Kaffee, subventionierten Mensaessen, gebrauchten Möbeln und der Hoffnung, dass das WLAN funktioniert. Das ist nicht luxuriös, aber für eine Gründung erstaunlich kompatibel. Dazu sind Sie jung, brauchen wenig Schlaf, und Ihr Gehirn ist noch so flexibel, dass Sie in der Lage sind, schnell Neues zu lernen und den Status quo kritisch zu hinterfragen — genau das braucht man für eine Unternehmensgründung.

Später sieht die Sache anders aus. Dann hat man einen festen Job, festgefahrene Meinungen, ein regelmäßiges Einkommen, eine Wohnung, ein Auto, Kinder, Versicherungen, Erwartungen, Routinen und irgendwann auch den inneren Sachbearbeiter, der sagt: „Vielleicht sollte man erstmal nichts überstürzen.“ Eine Unternehmensgründung wird dann nicht unmöglich, aber sie fühlt sich plötzlich an wie ein Sprung aus dem Flugzeug, bei dem man vorher noch die Steuererklärung, den Elternabend und die Anschlussfinanzierung organisieren muss.

Als Studentin oder Student ist eine Gründung oft etwas anderes: eine sehr intensive Projektarbeit mit realen Konsequenzen. Nur dass am Ende nicht eine Note im Prüfungsamt liegt, sondern vielleicht ein Produkt, echte Nutzerinnen und Nutzer, erste Kundinnen und Kunden, eine Förderung, ein Team — und im besten Fall ein Unternehmen, das die Welt und ihr Bankkonto verändert.

Was ich Studierenden anbieten kann

Wenn Sie eine Idee haben, sprechen Sie mich gerne an. Sie brauchen keinen perfekten Businessplan. Sie brauchen keine 38-seitige Marktanalyse. Was Sie brauchen, ist ein gigantisches Problem; und eine noch größere Vision, wie Sie das Problem lösen. Dazu technische Substanz, die Bereitschaft, Tag und Nacht daran zu arbeiten und möglichst schon ein gutes Team. Etwas Ego, um Rückschläge zurückzustecken und gut gemeinte Ratschläge zu ignorieren (“Das wird eh nie was”) schadet ebenfalls nicht.

Ich habe selbst drei Start-ups gegründet und kann Sie unterstützen bei der Einschätzung Ihrer Idee, bei der technischen Machbarkeit, bei der Entwicklung eines Prototyps, bei der Suche nach passenden Förderprogrammen, bei EXIST-Anträgen, bei Businessplänen, bei Kontakten, bei der Teamzusammensetzung und bei der ehrlichen Einschätzung, ob aus einer Idee ein Unternehmen werden könnte — oder ob sie vielleicht doch eher ein schönes Seminarprojekt mit zu viel Selbstbewusstsein ist.

Besonders interessant sind für mich Ideen in den Bereichen künstliche Intelligenz, Recommender Systems, Personalisierung, Information Retrieval, AutoML, eHealth, Mobilität, Smart Environments, Softwarewerkzeuge für Wissenschaft und datengetriebene Dienste. Aber auch andere gute technische Ideen sind willkommen.

Denken Sie groß! Stellen Sie sich die Zukunft vor: Erschließen Sie einen Billionen-Dollar-Markt und gründen Sie ein Milliarden-Dollar-Unternehmen. Wenn Sie am Ende nur 1 % Ihres Ziels erreichen, … nun, das ist immer noch beeindruckend.

Das Risiko ist kleiner, als viele denken

Viele Studierende überschätzen das Risiko einer Gründung und unterschätzen das Risiko eines langweiligen Berufslebens.

Natürlich kann ein Start-up scheitern. Das passiert sogar häufig. Aber was ist der Schaden, wenn man während oder kurz nach dem Studium ein Jahr an einer ernsthaften Idee arbeitet? Man lernt Produktentwicklung, Teamarbeit, Finanzierung, Vertrieb, Nutzerkommunikation, Softwareentwicklung unter realen Bedingungen, Priorisierung, Präsentation, Verhandeln und Scheitern ohne Drama. Das ist mehr praktische Ausbildung als viele Vorlesungen bieten können; definitiv mehr als meine Vorlesungen es bieten.

Dazu kommt: Es gibt heute gute Förderprogramme. EXIST ist ein Beispiel. Solche Programme sind genau dafür gedacht, Gründungsideen aus Hochschulen heraus zu unterstützen. Wenn die Idee gut ist, das Team passt und der Antrag ordentlich vorbereitet ist, sind die Chancen real. Man muss also nicht allein in einem Keller sitzen, schlecht programmierten Code schreiben und hoffen, dass zufällig ein Investor durchs Fenster steigt. Mit einem EXIST-Gründerstipendium haben Sie wahrscheinlich mehr Geld zum Leben als Sie derzeit als Student haben. Und Sie werden vom Steuerzahler dafür bezahlt, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Das ist fast so gut, wie verbeamteter Professor zu sein.

An der Universität Siegen gibt es zudem das Entrepreneurship Center, das Studierende und Beschäftigte auf dem Weg von der Idee zur Gründung begleitet — mit Beratung, Coaching, Workshops, Inkubator- und Accelerator-Angeboten, Community-Formaten, Netzwerkzugang und Unterstützung bei Förderprogrammen wie EXIST. Dazu kommen weitere Strukturen wie das Fab Lab Siegen für Prototyping und praktische Produktentwicklung, die Transferstelle connectUS für Kooperationen zwischen Universität, Wirtschaft und Gesellschaft, der Alumniverbund als Zugang zu Erfahrung und Kontakten sowie regionale Gründungsnetzwerke wie Startpunkt57.

Nutzen Sie solche Angebote. Dafür sind sie da. Es wäre schade, wenn Förderprogramme, Beratungsangebote, Werkstätten, Netzwerke und Hochschulstrukturen existieren und Sie trotzdem nur das tun, was alle tun: Abschluss machen, Bewerbung schreiben, arbeiten, heiraten, Kinder kriegen, scheiden, Rentner sein, sterben.

Gründen Sie nicht allein, wenn es bessere Alternativen gibt

Ein Start-up mit ein oder zwei guten Freundinnen oder Freunden zu gründen, kann eine der besten Erfahrungen des Lebens sein. Natürlich sollten es nicht einfach die nettesten Menschen aus der Lerngruppe sein. Gründerteams müssen sich ergänzen. Wenn alle gerne Ideen haben, aber niemand gerne mit Kunden spricht, wird es schwierig. Wenn alle programmieren wollen, aber niemand Rechnungen schreibt, wird es auch schwierig. Wenn alle CEO sein wollen, dann ist das Start-up wahrscheinlich nach drei Wochen vor allem ein psychologisches Experiment.

Ein gutes Team ist fachlich komplementär und menschlich belastbar. Man muss sich vertrauen können. Man muss streiten können. Man muss sich gegenseitig sagen können, dass die neue Produktidee vielleicht doch eher ein Feature ist, und zwar ein schlechtes. Und man muss danach noch zusammen Pizza essen können.

Wenn das gelingt, macht Gründen deutlich mehr Spaß als vieles andere im Studium. Man arbeitet nicht für eine Klausur, die nach 90 Minuten vergessen ist. Man arbeitet an etwas, das jemand wirklich benutzen könnte, und einen vielleicht reich macht. Man merkt schnell, ob die eigene Idee trägt. Man lernt Menschen kennen, die etwas aufbauen wollen. Man erlebt Erfolge, die nicht daraus bestehen, dass in unlesbarer Handschrift „2,3“ auf einer Klausur steht.

Und selbst die Rückschläge sind interessanter. Eine abgelehnte Förderung, ein Nutzer, der das Produkt nicht versteht, oder ein Server, der genau während der Demo ausfällt, sind ärgerlich. Aber zu dritt bei einem Bier im Garten lassen sie sich viel besser verkraften als alleine im Keller.

Die Alternative ist nicht immer Google

Natürlich: Wenn Sie nach dem Studium ein Angebot von Google, OpenAI oder einem anderen Spitzenunternehmen bekommen und dort 400.000 Euro im Jahr verdienen können, dann nehmen Sie das Angebot. Aber seien wir realistisch. Ein solches Angebot zu bekommen ist ungefähr so wahrscheinlich wie das nächste Google oder OpenAI zu gründen. Beides kommt vor. Beides ist nicht der Normalfall.

Der wahrscheinlichere Fall ist: Sie arbeiten nach dem Studium in einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen, pflegen Legacy-Code, bauen Schnittstellen zu Systemen, die niemand mehr versteht, optimieren interne Prozesse, schreiben Tickets, schließen Tickets, öffnen dieselben Tickets wieder und sorgen im besten Fall dafür, dass Ihr Chef etwas reicher wird. Und dann werden Sie entlassen, weil AI Ihren Job übernimmt.

Vielleicht arbeiten Sie auch in einem großen Unternehmen. Dann lernen Sie, dass Innovation ein wichtiges strategisches Ziel ist, solange sie in das Quartalsbudget passt, keine Abteilung irritiert und vorher durch drei Lenkungskreise genehmigt wurde. Auch das kann lehrreich sein. Aber es ist nicht zwingend das, wovon man mit Mitte zwanzig träumen sollte.

Und ja, es gibt noch ein Worst-Case-Szenario: Sie werden Business Consultant. Dann verdienen Sie Ihr Geld damit, anderen Unternehmen mit PowerPoint-Folien zu erklären, dass sie agiler, digitaler, datengetriebener und leider auch etwas schlanker werden müssen. Danach fahren Sie ins Hotel, beantworten E-Mails um 23:47 Uhr und nennen es „steile Lernkurve“. Auch das kann man machen. Aber man muss es nicht freiwillig zu früh tun.

Die Alternative ist nicht zwingend, sofort das nächste Weltunternehmen aufzubauen. Die Alternative ist zunächst viel bescheidener und gleichzeitig viel spannender: ein eigenes Problem finden, ein eigenes Produkt bauen, eigene Nutzer gewinnen, eigene Fehler machen und eigene Erfolge erleben.

Ein Start-up ist keine Garantie auf Reichtum, aber fast immer eine gute Ausbildung

Ein eigenes Start-up bedeutet nicht automatisch, dass man reich wird. Meistens wird man erstmal müde. Dann verwirrt. Dann besser. Dann wieder müde. Dann merkt man, dass der Prototyp zwar funktioniert, aber nur auf dem eigenen Laptop, bei gutem Wetter und wenn niemand auf „Zurück“ klickt.

Aber man lernt sehr schnell. Man lernt, dass Nutzerinnen und Nutzer nicht tun, was man erwartet. Man lernt, dass ein technischer Prototyp noch kein Produkt ist. Man lernt, dass ein Produkt noch kein Geschäftsmodell ist. Man lernt, dass ein Geschäftsmodell noch kein Unternehmen ist. Und man lernt, dass „wir brauchen nur noch Marketing“ oft bedeutet: Wir haben noch nicht verstanden, warum niemand unser Produkt kaufen will.

Das klingt hart. Es ist aber wertvoll. Gerade Informatikerinnen und Informatiker profitieren enorm davon, einmal ein echtes Produkt von Anfang bis Ende zu bauen: nicht nur die Architektur, nicht nur das Modell, nicht nur den Algorithmus, sondern auch die Nutzeroberfläche, den Betrieb, die Kosten, die Dokumentation, den Support, die Kundengespräche und die Frage, wer dafür bezahlt.

Eine Gründung zwingt Sie dazu, die Welt nicht nur aus Sicht des Codes zu sehen. Sie müssen verstehen, was Menschen brauchen, wofür sie bezahlen, was sie ignorieren, was sie falsch bedienen und warum sie auf eine E-Mail nicht antworten, obwohl Ihre Lösung offensichtlich ihr Leben verbessern würde. Diese Erfahrung ist frustrierend, aber heilsam.

Und wenn das Unternehmen scheitert? Dann haben Sie immer noch sehr viel gelernt. Vermutlich mehr als in einem weiteren Praktikum, in dem Sie nach drei Wochen herausfinden, dass „spannende Aufgaben“ manchmal bedeutet, eine Excel-Datei zu bereinigen, die seit 2017 niemand mehr öffnen wollte.

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der oft unterschätzt wird: Gründungserfahrung ist ein sehr guter Lebenslaufpunkt. Nicht als hübsches Buzzword, sondern weil sie zeigt, dass man Verantwortung übernommen hat. Man hat nicht nur eine Aufgabe bearbeitet, sondern ein Problem gesucht, ein Team aufgebaut, Geld eingeworben, Nutzer überzeugt, Entscheidungen getroffen, Fehler gemacht und trotzdem weitergearbeitet. Das sehen auch andere.

In der Industrie war meine Start-up-Erfahrung immer ein klarer Pluspunkt, zum Beispiel als ich mich als Produktmanager bei HRS beworben habe (und die Stelle bekam). Wer schon einmal ein eigenes Produkt verantwortet hat, spricht anders über Nutzer, Prioritäten, Roadmaps und Deadlines. Man weiß, dass „wir könnten noch schnell ein Feature einbauen“ meistens ein Satz ist, der kurz vor Mitternacht, kurz vor einem Bug und kurz vor einer schlechten Entscheidung fällt.

Selbst bei meinen Bewerbungen um Professuren war die Gründungserfahrung ein gern gesehenes Plus. Universitäten sprechen heute viel über Transfer, Innovation, Drittmittel, Wirkung und gesellschaftliche Relevanz. Eine Gründung zeigt konkret, dass man Forschung nicht nur in Papers denkt, sondern auch in Produkten, Nutzern, Teams, Förderanträgen und realen Anwendungen. Das ersetzt keine wissenschaftliche Leistung. Aber es ergänzt sie sehr gut. Und es ist wesentlich überzeugender als zu behaupten, man sei „transferorientiert“, weil man das Wort einmal in einen Antrag geschrieben hat.

Vor allem aber gibt es einen Punkt, den ich noch nicht angesprochen habe: Menschen! Als Gründerin oder Gründer treffen Sie unglaublich interessante Menschen. Andere Gründer, Investoren, Kunden, Fördermittelgeber, Mentoren, Wettbewerber, Journalisten, und gelegentlich Menschen, bei denen man erst nach dem Gespräch versteht, was sie eigentlich beruflich machen. Das ist etwas völlig anderes als Studium oder ein klassischer Softwareentwicklungsjob, in dem man oft vor allem mit anderen Softwareentwicklern spricht, gelegentlich mit einem Projektmanager, und in besonders wilden Momenten mit jemandem aus dem Vertrieb. Gründerinnen und Gründer sind fast immer interessante Menschen: optimistisch, ehrgeizig, leicht wahnsinnig, aber selten langweilig. Und als Gründer baut man sehr schnell ein Netzwerk auf, das beruflich enorm wertvoll sein kann. Und falls Sie irgendwann feststellen, dass Sie doch lieber wenig verdienen wollen, dafür aber ganz wenig arbeiten müssen, hilft Ihnen ein gutes Netzwerk auch dabei, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen.

Mein Rat

Wenn Sie während des Studiums eine gute Idee haben: Nehmen Sie sie ernst.

Sprechen Sie mit potenziellen Nutzern. Bauen Sie einen Prototyp. Suchen Sie sich ein gutes Team. Bewerben Sie sich auf Förderprogramme. Sprechen Sie mit dem Entrepreneurship Center. Sprechen Sie mit Professorinnen und Professoren. Sprechen Sie mit mir.

Warten Sie nicht darauf, dass der perfekte Zeitpunkt kommt. Der kommt nicht. Das ist wie mit einer Weltreise machen, Heiraten oder Kinder kriegen. Wenn Sie zu lange auf den perfekten Moment warten, machen Sie es nie.

Während des Studiums haben Sie die Freiheit, Dinge auszuprobieren. Nutzen Sie sie. Gründen ist anstrengend, unsicher und manchmal absurd. Aber es ist auch eine der besten Möglichkeiten, sehr schnell sehr viel zu lernen, interessante Menschen kennenzulernen, Verantwortung zu übernehmen und vielleicht tatsächlich etwas zu bauen, das die Welt ein kleines Stück besser macht.

Und falls es nicht klappt? Dann haben Sie immer noch eine hervorragende Geschichte für Ihr nächstes Vorstellungsgespräch.


Joeran Beel

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