Zusammenfassung: Eine Kundin kauft Babygrieß bei Rossmann, meint ranzigen Geruch wahrzunehmen und reklamiert. In der Filiale wird die Kundin nach langer Diskussion des Ladens verwiesen und die Rücknahme mit Argumenten verweigert, die später vor Gericht keinen Bestand haben werden. Ich biete der Kundin Unterstützung bei der Durchsetzung Ihrer Rechte an, und sehe dies als Fallstudie über die Fähigkeiten von KI. Den Mahnbescheid fülle ich mit Hilfe von ChatGPT aus, die Klageschrift ebenfalls. Rossmanns Anwalt macht während des Verfahrens mehrfach ‘halluzinierte’, d.h. falsche bzw. widersprüchliche Angaben. Ich erwidere, erneut untestützt durch ChatGPT. Am Ende heißt es 1:0 für ChatGPT — Rossmann verliert, muss den Kaufpreis erstatten und die Gerichtsgebühren übernehmen; ob der Babygrieß wirklich ranzig war, bleibt leider ungeklärt.

ch finde: Wenn die KI den Prozess gewinnt, darf sie auch das Siegerbild zeichnen. (C) 2026, Prof. Dr. Jöran Beel via ChatGPT
Ich finde: Wenn die KI den Prozess gewinnt, darf sie auch das Siegerbild zeichnen.

Vorwort: Fallstudie für einen ‘KI-Anwalt’

Als Professor für Intelligente Systeme beobachte ich seit Jahren, wie Künstliche Intelligenz (KI) die Berufswelt verändert. Kaum ein Bereich ist dabei so spannend – und gesellschaftlich so relevant – wie das Recht. Denn „Recht bekommen“ ist in der Praxis oft keine Frage von Recht oder Unrecht haben, sondern von Ressourcen: Zeit, Nerven, Geld und Zugang zu anwaltlicher Unterstützung.

Und da beginnt das Problem: Als Privatperson seine Rechtsansprüche durchzusetzen, ist häufig schon organisatorisch schwierig. Ich spreche da aus Erfahrung mit der Lufthansa, dem Landesamt für Besoldung und Versorgung NRW (LBV), der Beihilfestelle kvw Münster (Untätigkeitsklage; Details folgen) und der Universität Siegen (Eilklage; Details folgen). Bei niedrigem Streitwert winken viele Anwälte ab, weil sich die Sache für sie wirtschaftlich nicht lohnt. Oder Anwälte wollen auf Honorarbasis bezahlt werden. Dann bleibt man auf hohen Kosten sitzen, selbst wenn man vor Gericht gewinnt. Bei hohem Streitwert ist es nicht besser – dann steigen die Auslagen und potenziellen Kosten schnell in die Tausende, und das Prozessrisiko wird real und ist für viele nicht tragbar. Kurzum: Entweder findet man keinen Anwalt, oder man findet einen, aber man müsste so viel zahlen, dass man sich zweimal fragt, ob sich eine Klage lohnt.

Gerade deshalb ist eine Idee so attraktiv: Wenn man es schafft, ohne Anwalt zu klagen, sinkt das eigene Kostenrisiko deutlich. Und wenn man dann noch gegen einen großen Konzern oder eine Behörde mit eigener Rechtsabteilung, also ohne externen Anwalt, klagt, bleibt das Kostenrisiko überschaubar, selbst wenn man vor Gericht verlieren sollte. Für einen selbst fallen keine Anwaltskosten an; für die Gegenseite fallen sie bei eigener Rechtsvertretung ebenfalls nicht an; so bleiben nur die Gerichtsgebühren, die meist vertretbar sind. Für Verbraucher ist das eine seltene Konstellation, in der „David gegen Goliath“ plötzlich nicht mehr völlig aussichtslos erscheint. Das Einzige, was man dafür braucht, ist das, was der Anwalt sonst liefert: Struktur, Fristenkontrolle, Formalien, Argumentation, saubere Schriftsätze – also juristische Handwerksarbeit.

Und hier kommt die eigentliche Frage: Kann KI diese Lücke schließen? Nicht unbedingt als magischer 1-Klick „KI-Anwalt“, aber zumindest als Werkzeug, das Laien in die Lage versetzt, überhaupt erst sinnvoll zu agieren: Formulare ausfüllen, Schriftsätze bauen, Argumente sortieren, typische Denkfehler vermeiden, Reaktionen der Gegenseite antizipieren, relevante Normen und Rechtsprechung finden, und vor allem: den Prozess nicht an Formalien scheitern lassen.

Ich habe den vorliegenden Fall deshalb bewusst als berufliches Praxisexperiment betrachtet. Nicht, weil ich „Stress mit Rossmann“ gesucht hätte, sondern weil sich – leider – eine sehr passende Gelegenheit ergab, um unter Realbedingungen zu testen, wie weit man mit ChatGPT kommt: vom Mahnbescheid bis zur Klage und den Erwiderungen hin zum Verfassen eines Blogposts einschließlich satirischem Titelbild. Das ist kein wissenschaftlicher Elfenbeinturm, sondern die juristische Realität: echte Fristen, echte Gegenseite, echte Schriftsätze, echte Konsequenzen.

Vor diesem Hintergrund: Hier kommt der Rossmann-Fall – als Verbraucherstreit und als KI-Praxistest.

1. Kauf des Babygrieß bei Rossmann in Düsseldorf

Im August 2025 kaufte eine Kundin Babygrieß bei Rossmann in Düsseldorf. Weil sie mit Babygrieß schon früher vereinzelt Pech hatte, öffnete sie die Packung direkt nach dem Bezahlen vor Ort und nahm einen ranzigen Geruch wahr. Sie wollte die Packung zurückgeben und den Kaufpreis erstattet bekommen. Die Mitarbeiterin weigerte sich, weil die Packung ja „bereits geöffnet“ sei. Wie man bei einer vakuumverschweißten Packung ohne Öffnen den Geruch prüfen soll, sagte die Mitarbeiterin nicht. Auch der Hinweis, dass bei Produktmängeln gesetzliche Gewährleistungsrechte bestehen — insb. Nacherfüllung, ggf. Rücktritt/Minderung — änderte ihr Verhalten nicht. Stattdessen behauptete die Mitarbeiterin, der Geruch sei „normal“. In der späteren Klageschrift warfen wir die Frage auf, ob die Mitarbeiterin denn jemals zuvor Babygrieß gerochen habe und beurteilen könne, wie Babygrieß normalerweise riecht. Rossmann gab keine Antwort darauf. Ebensowenig antworte Rossmann auf unsere Vermutung, dass die Mitarbeiterin nach vielen Stunden Arbeit in einem Drogeriemarkt mit parfümierter Luft überhaupt nicht in der Lage war, einen ranzigen Geruch wahrzunehmen.

Nach langer Diskussion, einschließlich der Rücksprache mit der Vorgesetzten, erhielt die Kundin, entgegen der eigentlichen “Geld zurück“-Forderung, eine Ersatzpackung “aus Kulanz”. Die Ersatzpackung roch aus Sicht der Kundin ebenfalls ranzig. Als die Kundin erneut ‘Geld zurück’ mit Verweis auf ihre gesetzlichen Rechte forderte, wurde sie kurzerhand aus dem Laden verwiesen, mit dem Hinweis, sie solle sich an die Hotline wenden.

2. Einschätzung der Situation

Ich kannte die Kundin, war Zeuge des Vorgangs und sowohl nach meiner Laieneinschätzung als auch nach der Einschätzung von ChatGPT hatte sich Rossmann gleich doppelt falsch verhalten. So waren ChatGPT und ich der Auffassung: Wenn die Ware mangelhaft ist, gilt die gesetzliche Gewährleistung. Sprich, mangelhafte Ware muss zurückgenommen oder repariert werden, egal ob geöffnet oder nicht. Außerdem: Rossmann wirbt auf seiner Website mit einer freiwilligen Rücknahmegarantie: „Geld zurück“, wenn man nicht zufrieden ist – unabhängig davon, ob es einen Mangel gibt oder nicht. Rossmann wirbt mit besonderer “Kundenfreundlichkeit” und “Kein Problem” bei der Rückgabe. In der Filiale tat man so, als gäbe es das alles nicht.

Ich bot der Kundin an, sie bei der Durchsetzung ihrer Rechte zu unterstützen. Für mich war dies ein hervorragendes Testszenario, um ChatGPTs Fähigkeiten als KI-Anwalt zu testen: Die Tragweite des Falles war tendenziell groß (mutmaßlich ranzige Babynahrung, verkauft durch einen milliardenschweren Drogeriekonzern sowie möglicherweise Missachtung von gesetzlichen Gewährleistungsrechten und freiwilligen Garantieversprechen); die Rechtslage schien relativ klar; und selbst wenn Rossmann einen externen Anwalt beauftragen würde, wäre das Kostenrisiko aufgrund des geringen Streitwerts (2,49 €) gering.

3. Mahnbescheid mit ChatGPT

Statt direkt zu klagen, entschieden wir uns – auf Anraten von ChatGPT – für einen Mahnbescheid. Das geht online über das Portal für Mahnanträge. Das Formular ist für Laien stellenweise kryptisch, aber ChatGPT war hier erstaunlich nützlich: Screenshots rein, Fragen stellen, und ChatGPT sagt zuverlässig, was wo einzutragen ist. Bei uns hat es fehlerfrei funktioniert und 30 Minuten gedauert. Die Kosten für den Online-Mahnbescheid betrugen 38 Euro. Außerdem schickten wir zeitgleich ein Schreiben an Rossmann, in dem wir die Situation schilderten und um Anerkennung des Mahnbescheids sowie um eine interne Aufarbeitung und Entschuldigung der Mitarbeiterinnen baten.

Rossmann legte Widerspruch gegen den Mahnbescheid ein – ohne jede Begründung. Interessant ist hier, dass ChatGPT vorhersagte, dass Rossmann die Forderung begleichen würde, weil Rossmann die Rechtmäßigkeit unserer Ansprüche erkennen und vor dem Imageschaden einer verlorenen Klage zurückschrecken würde. Offensichtlich lag ChatGPT hier falsch.

4. Die Klageschrift

Mit ChatGPT war die Klageschrift in etwa einer Stunde verfasst. Ich habe ChatGPT den Sachverhalt geschildert, die zwei Hauptpunkte vorgegeben (Sachmangel und Rücknahmegarantie), Screenshots des Bons und der Rossmann-Website hochgeladen, und bin dann mehrere Iterationen durchlaufen, bis Struktur und Formulierungen passten.

5. Schlagabtausch: Mein KI-Anwalt (ChatGPT) vs. Rossmanns Anwalt (auch ChatGPT?)

Künstliche Intelligenz (KI) und Large Language Models (LLMs) stehen oft in der Kritik, weil sie manchmal halluzinieren, also Dinge sagen, die nicht den Tatsachen entsprechen. Der Prozess gegen Rossmann hat mir aber etwas anderes gezeigt: Menschen sind keinen Deut besser – oder Rossmann nutzt selbst einen KI-Anwalt. Denn im Verfahren behauptete Rossmanns Anwalt mehrfach Dinge, die den Tatsachen nicht entsprachen, also im metaphorischen Sinn „halluziniert“ waren.

Ein Beispiel: In einem frühen Schriftsatz bestätigte der Rossmann-Anwalt richtig, dass die Kundin eine Erstattung des Kaufpreises gefordert hatte: „Wie die Klägerin richtig ausführt, […] forderte [sie] aufgrund des behaupteten Mangels eine Erstattung.“ Später behauptet der Anwalt dann aber das genaue Gegenteil: „Die Klägerin hat […] einen weiteren Umtausch gefordert, nicht die Rücknahme und Erstattung des Kaufpreises. […] Der guten Ordnung halber darf nochmals darauf hingewiesen werden, dass zu keinem Zeitpunkt eine Auszahlung des Kaufpreises verlangt wurde“. Das Beispiel zeigt, dass auch menschliche Anwälte, genau wie KI, “halluzinieren” und scheinbar nicht einmal prüfen, ob sie sich selbst widersprechen. Denn fest steht: Beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein.

Seitens Rossmanns gab es zudem weitere „halluzinierte“ Angaben im Verfahren, darunter Behauptungen zum Hergang der Reklamation (ein zweiter Filialbesuch, den es nie gab); die Behauptung, ein Gutachten würde “nachweislich” etwas belegen, obwohl es das nicht tat; und ein falsches Datum. Unser eigener ‘KI-Anwalt’ hat im gesamten Verfahren nicht ein einziges Mal halluziniert, soweit wir das beurteilen können.

Auch was die Argumentation als solche betrifft, hat ChatGPT mit Tiefe und Fachwissen geglänzt, die über das hinausgehen, was normale Bürger oder viele Anwälte in der Regel leisten können. Beispiel: Das Veterinäramt untersuchte eine Probe bei Rossmann – aber nicht die Packung, die wir gekauft hatten. ChatGPT hat sehr sauber herausgearbeitet, warum (1) eine Probe einer anderen Packung kaum Aussagekraft hat und (2) die durchgeführten Tests technisch nicht geeignet sind, um einen ranzigen Geruch zuverlässig zu beurteilen. Vor allem die technische Entkräftung der Tests (siehe Screenshot) hätte sonst vermutlich nur ein Sachverständiger hinbekommen.

Der Screenshot zeigt ChatGPTs Argument, warum eine Laboruntersuchung des Veterinäramtes nicht geeignet war, einen ranzigen Geruch zu verneinen oder zu bestätigen. Eine solche technische Argumentation könnte kaum ein Normalbürger oder ein normaler Anwalt vorbringen, ohne dabei einen teuren Sachverständigen hinzuziehen.

Rossmann hat auf ChatGPTs Argumentation, warum die Laboruntersuchung ungeeignet war, übrigens nicht mehr erwidert.

Anekdotisch ist damit gezeigt: Entweder argumentiert unser ChatGPT besser als mancher menschlicher Anwalt. Oder wenn man der gängigen Auffassung folgt, dass KIs halluzinieren und Menschen nicht, dann hat Rossmann sich scheinbar von einer alten KI vor Gericht vertreten lassen, die gelegentlich halluziniert, und der die technische Tiefe fehlt, die unser ‘KI Anwalt’ an den Tag legte.

6. Das Urteil

Das Urteil ist kurz und bündig (Amtsgericht Burgwedel 7 C 435/25, 4.2.2026): Rossmann hat verloren, muss den Kaufpreis erstatten und die Prozesskosten tragen. Eine Berufung ist nicht zulässig.

Hier ist der volle Wortlaut des Urteils:

Das Gericht hat leider nicht entschieden, ob der Babygrieß ranzig war – wir sind uns zwar sicher, dass er es war (und mehrere Zeugen ebenfalls), aber ohne Laborbefund ist das juristisch nicht belegbar, und so bleibt es bei Aussage gegen Aussage. Wir hatten im Verfahren zwar angeboten, die von uns gekaufte Packung im Labor untersuchen zu lassen. Aber weder Gericht noch Rossmann gingen auf das Angebot ein.

Entscheidend ist aber letztlich etwas anderes: Das Urteil zeigt, dass es auf einen Mangel gar nicht ankommt. Rossmanns freiwillige Rücknahmegarantie gilt unabhängig davon. Und genau deshalb ist das Urteil ein klarer Sieg für den Verbraucherschutz: Wer öffentlich „Rücknahme“ verspricht, kann das nicht nachträglich nach Lust und Laune uminterpretieren oder im Laden einfach ignorieren. Darum bookmarken Sie sich diesen Blogpost, und wenn Ihnen bei Rossmann das Gleiche widerfährt wie uns, hilft Ihnen das vorliegende Urteil vielleicht. Und wenn nicht, na, dann nehmen Sie ChatGPT und ziehen selbst vor Gericht.

7. Und die Moral von der Geschicht…?

Dieser gesamte Abschnitt stellt meine persönliche Meinung dar. Er ist nicht als Tatsachenbehauptungen zu verstehen.

Nicht jeder große Konzern ist grundsätzlich böse, und auch Rossmann schätz(t)e ich bisher. Zum einen bietet Rossmann, genau wie dm, oft günstige Produkte in guter Qualität. Und ich habe in der Vergangenheit schon des Öfteren von Rossmanns Rücknahmegarantie Gebrauch gemacht, und es gab nie Probleme. Zudem fällt positiv auf, dass sich der Inhaber Dirk Rossmann seit Jahrzehnten nicht nur punktuell mit Spenden, sondern auch strukturell engagiert, in einem Ausmaß, das über die “Feigenblatt-Spenden” vieler anderer Unternehmer hinausgeht. In Talkshows scheint Dirk Rossmann zudem meist sehr vernünftige Positionen zu vertreten und echte gesellschaftliche Fürsorge zu zeigen. Ich habe auch ein gewisses Verständnis für die Mitarbeiterinnen, die die Ware nicht zurücknehmen wollten. Es war schon spät; die Filiale war voll; vielleicht haben die Mitarbeiterinnen wirklich nicht den ranzigen Geruch wahrgenommen; und vielleicht hatten sie noch keine Schulung über Rossmanns Rücknahmegarantie erhalten oder die Garantie schlichtweg vergessen.

Was mich aber an Fällen wie diesem wütend macht, ist das Verhalten der Rechtsabteilungen, und es scheint sich bei Rossmann nicht um einen Einzelfall zu handeln. Anhand meiner bisherigen Erfahrungen – zugegebenermaßen nicht allzu groß (n=5) – scheint es mir, dass große Unternehmen und Behörden nicht wirklich prüfen, ob ein Kunde recht hat und wie eine faire Lösung aussehen könnte. Dies war so bei meinem Mahnverfahren und Prozess gegen die Lufthansa, bei meiner Untätigkeitsklage gegen die Beihilfestelle kvw (Bericht folgt), meinem Widerspruch gegen den Bescheid der LBV, meiner Eilklage gegen die Universität Siegen (Bericht folgt) und nun bei Rossmann.

Bei Rossmann wurde zweimal die Rückgabe verweigert und Hinweise auf gesetzliche Gewährleistung ignoriert; anstatt die Angelegenheit im Ladengeschäft zu klären, wurde die Kundin des Ladens verwiesen und auf die Hotline abgewimmelt; dem Mahnbescheid wurde ohne Begründung widersprochen; und ein weiteres Schreiben unsererseits mit einem Vorschlag zur Einigung vor Klageerhebung wurde ignoriert und sogar später im Prozess versucht, gegen uns zu verwenden. Während des Prozesses wurde meiner Ansicht nach mit teils abstrusen und widersprüchlichen Argumenten versucht, das Vorgehen von Rossmann zu rechtfertigen. Das Motto scheint zu sein: Bloss keine Fehler zugeben, bloss nicht nachgeben, egal wie berechtigt das Anliegen der Kunden ist.

Im Fall Rossmann machte das Gericht im Übrigen schon früh klar, dass die Erfolgsaussichten für Rossmann gering seien, da es wegen der freiwilligen Garantie auf einen Mangel vermutlich gar nicht ankäme. Das Gericht verwies Rossmann darauf, dass die Beweispflicht bei Rossmann läge, falls die Rücknahmegarantie (trotz des Wortlautes) nicht als solche gemeint sei (Details siehe Screenshot).

Und was macht Rossmann als Reaktion? Eingestehen, dass Rossmann einen Fehler gemacht hatte? Dass die Rücknahmegarantie natürlich gelte? Nein, Rossmann kam plötzlich auf die Idee, zu behaupten, die Kundin habe das Rückgaberecht missbrauchen wollen, und zudem nie eine Rückforderung des Kaufpreises verlangt – die vermutlich einzigen zwei Argumente, um noch gewinnen zu können, ohne die generelle Gültigkeit der Rücknahmegarantie anzugreifen. Dass beide Behauptungen nicht stimmten… egal. Aber weil bald Weihnachten war (kein Witz), bot Rossmann mit “Blick auf die anstehenden Feiertage” und “aus Kulanz” an, der Kundin den Kaufpreis zu erstatten sowie die Prozesskosten zu tragen, wenn sie die Klage zurücknimmt und „keine weiteren Maßnahmen ergreift“ bzw. sie sich „nicht weitergehend negativ“ äußere. Nun, das Angebot fanden wir nicht überzeugend. Wenn wir doch im Recht sind und gerade dabei sind, den Prozess zu gewinnen, warum sollten wir uns auf einen Maulkorb einlassen und auf die Möglichkeit verzichten, einen so schönen Blogpost zu schreiben, wie Sie ihn hier gerade lesen?

Auch andere Behauptungen des Anwalts waren schlicht und einfach falsch und zeugen meiner Ansicht nach von einem sehr fragwürdigen Wahrheitsverständnis. Wie bereits dargelegt, machte der Anwalt widersprüchliche und falsche Angaben darüber, dass die Kundin ihr Geld angeblich nie zurückgefordert habe. Und der Anwalt stellte die Ergebnisse einer Laboruntersuchung des Veterinäramtes so dar, als würden sie “nachweislich” und “offensichtlich” zeigen, dass der gekaufte Babygrieß, ohne Mängel gewesen wäre.

Rossmann behauptet, dass “offensichtlich” kein Mangel vorgelegen habe.
Weiter behauptet Rossmann, dass “nachweislich” kein Mangel vorgelegen habe.

Tatsächlich stand im Laborbericht ein neutrales Ergebnis, das weder belegte noch widerlegte, dass der gekaufte Babygrieß ranzig war: “Die Ursache der Beschwerde kann von hier aus nicht ermittelt werden“. Eine solche neutrale Schlussfolgerung war auch zu erwarten, wenn 1. nicht der tatsächlich gekaufte Babygrieß untersucht wurde, und 2. die untersuchten Merkmale eher Richtung Schimmel gingen und weniger Richtung Ranzigkeit (siehe oben).

Tatsächliche Aussage des Laborberichts. Das Ergebnis ist neutral, das heißt, die Ursache lässt sich nicht ermitteln. Auf keinem Fall hat das Ergebnis objektiv oder “nachweislich” gezeigt, dass der von uns gekaufte Babygrieß mangelfrei war, wie Rossmann behauptete.

Aus juristischer Sicht liegt das Verhalten des Anwalts im Rahmen dessen, was im Zivilprozess akzeptabel ist – vielleicht ist es sogar Alltag. Verboten ist es jedenfalls nicht, etwas als „offensichtlich“ oder „nachweislich“ darzustellen, selbst wenn es bei genauerem Hinsehen alles andere als das ist. Selbst die offensichtliche falsche Darstellung des Anwaltes zur Rückforderung des Kaufpreises hat keine Konsequenzen. Solche offenkundig falschen und widersprüchlichen Aussagen werden vor Gericht elegant als „widersprüchlicher Vortrag“ etikettiert – ein Begriff, der verschleiert, worum es sich wirklich handelt. Man kann einwenden: Niemand außer dem Anwalt selbst weiß sicher, ob die Widersprüche aus Nachlässigkeit, falschen Erinnerungen der Mitarbeiterinnen, Chaos oder anderen Gründen entstanden sind.

Nur: Für die Betroffenen sind dieser Unterschied und die juristischen Details am Ende egal. Was bleibt, ist der Eindruck, dass ein 16-Milliarden-Euro-Konzern bereit ist, wegen 2,49 € bis zum Ende zu gehen, obwohl der Kunde offensichtlich im Recht ist – und dass es Menschen gibt, die sich durch ein Jurastudium quälen, um den Konzernen dabei zu helfen.

8. Warum für 2,49 € vor Gericht ziehen?

Der eine oder andere mag sich fragen, warum man für 2,49 € überhaupt vor Gericht zieht. Die Antwort ist: Weil genau diese Beträge in der Praxis darüber entscheiden, ob Rechte real sind oder nur auf dem Papier stehen. Bei Mini-Streitwerten lohnt sich für Betroffene der Aufwand oft nicht – und gerade dadurch entsteht ein systemischer Anreiz, berechtigte Reklamationen „wegzudiskutieren“, Garantiezusagen im Ladenalltag zu ignorieren oder sich hinter Formalien zu verstecken. Wenn es dann – wie hier – um einen wahrgenommenen ranzigen Geruch bei Babynahrung geht und zugleich um ein öffentlich beworbenes Rücknahmeversprechen, ist es rechtsstaatlich problematisch, wenn Kunden faktisch nur die Wahl haben, zwischen Nachgeben oder Eskalation ohne realistische Erfolgschance.

Im vorliegenden Fall war der niedrige Streitwert zusätzlich ideal für die Fallstudie: überschaubares Kostenrisiko, klare Fragestellungen, reale Prozessbedingungen. Aber der Punkt geht darüber hinaus: Erst wenn solche Fälle sachlich, dokumentiert und ohne Unterstellungen konsequent verfolgt werden, wird für Unternehmen spürbar, dass das Ignorieren „kleiner“ Ansprüche nicht automatisch folgenlos bleibt. Genau das ist die praktische Funktion des Rechtsstaats im Alltag: Regeln und Zusagen gelten nicht nur dann, wenn es für den Einzelnen wirtschaftlich bequem ist, sie durchzusetzen.

9. ChatGPTs Bedeutung für das Rechtssystem

ChatGPT hat mir große Teile der praktischen Prozessarbeit abgenommen bzw. so stark beschleunigt, dass die Durchsetzung eines 2,49-€-Anspruchs überhaupt rational wurde: vom fehlerfreien Ausfüllen des Mahnantrags über den strukturierten Aufbau der Klageschrift bis hin zu den Erwiderungen auf den widersprüchlichen Vortrag der Gegenseite. Besonders hilfreich war dabei weniger „juristische Brillanz“ als robuste Handwerksunterstützung: saubere Antragstellung, klare Gliederung, präzise Formulierungen und – im technischen Teil – eine nachvollziehbare Argumentation dafür, warum die herangezogene Laboruntersuchung den behaupteten ranzigen Geruch nicht widerlegen konnte. Ohne diese Kombination aus Formalienhilfe und argumentativer Tiefenschärfe hätte ich den Aufwand sehr wahrscheinlich gescheut; mit ChatGPT war der Weg vom berechtigten Ärger zur gerichtsfesten Darstellung kurz genug, um ihn konsequent zu gehen.

Deshalb ist das Urteil auch ein Signal für LegalTech. KI kann nicht nur „schlau reden“, sondern auch ganz banal dabei helfen, die größten Hürden überhaupt zu überwinden. Für Privatpersonen ist das die eigentliche Bedeutung: KI senkt die Eintrittsschwelle. Sie unterstützt, woran viele scheitern: den Weg von „ich bin im Recht“ zu „ich bringe das sauber aufs Papier, fristgerecht, in einer Form, die ein Gericht überhaupt bearbeiten kann“. Wer bereit ist, etwas Zeit zu investieren und sorgfältig zu arbeiten, hat dank KI heute realistischere Chancen, einen Prozess ohne anwaltliche Vertretung zu führen – insbesondere bei überschaubaren Streitwerten, bei denen man sonst oft gar keinen Anwalt findet oder die Kosten nicht tragen will.

Dazu kommt: Nicht nur Privatpersonen werden produktiver, sondern auch Anwälte. Wer heute schon beruflich routiniert mit Schriftsatzmustern arbeitet, wird mit KI noch deutlich mehr Fälle in kürzerer Zeit bearbeiten können – inklusive aggressiverer „Vollausleuchtung“ aller Argumentationslinien. Das kann die Waffengleichheit verbessern, weil auch die Gegenseite schneller zu professionellen Texten kommt. Wenn KI die Durchsetzung kleiner Ansprüche erleichtert, wird das Machtgefälle zwischen Konzernen und Einzelnen kleiner – gerade dort, wo bisher viele aus Frust oder Überforderung aufgeben. Gleichzeitig zwingt es Gerichte und Gegenseiten, sich stärker mit sauber vorgetragenen Laienklagen auseinanderzusetzen. Das ist nicht „KI übernimmt das Recht“, sondern eher: KI macht es wahrscheinlicher, dass Rechte, die es auf dem Papier gibt, auch tatsächlich geltend gemacht werden.

Doch eine weitere, weniger angenehme Frage liegt auf der Hand: Was bedeuten die Fortschritte in der KI für Gerichte, die vielerorts bereits heute überlastet sind? Wenn KI die Klageschwelle weiter senkt, werden mittelfristig mehr Verfahren anhängig werden – gerade im Bereich kleiner Streitwerte, die bisher oft „unter dem Radar“ blieben. Zugleich wird KI den Richtern in absehbarer Zeit vermutlich weniger Arbeit abnehmen können als Klägern und Anwälten: Schriftsätze, Anträge und Erwiderungen lassen sich mit KI schnell in großer Zahl und erstaunlicher Qualität produzieren; die richterliche Kernarbeit – Sachverhalt würdigen, Beweise bewerten, rechtlich subsumieren, entscheiden und begründen – bleibt deutlich schwerer zu automatisieren, schon wegen Verantwortung, Haftung und der notwendigen Einzelfallprüfung. Und das verschiebt das System: Auf der Eingangsseite steigen die Menge und Qualität der Vorträge, während die Entscheidungskapazität nicht im gleichen Tempo wächst.

Das sind viele spannende Fragen für weitere Forschung und viele Aspekte, die die Entwickler von zukünftigen (LegalTech) AI-Tools hoffentlich im Hinterkopf behalten.

Abschließend noch der Hinweis, dass ChatGPT nicht nur bei der Klage selbst hilft, sondern auch bei nachfolgenden Schritten wie dem Verfassen des vorliegenden Blogposts oder dem Erstellen passender Bilder. Gerade hinsichtlich der Bilder sind die Fähigkeiten von ChatGPT beeindruckend. Ich bat ChatGPT, ein Bild zu erstellen, das die vorliegende Geschichte satirisch und fotorealistisch illustriert. Das Ergebnis (siehe Foto unten) ist so gut, dass sowohl ChatGPT als auch Gemini mir eindringlich geraten haben, das “Eselmann”-Logo zu zensieren, ebenso wie das kotzende Baby und das “Rücknahme verweigert”-Zeichen auf dem Kassenband. Außerdem sollte ich unbedingt einen großen Hinweis “Satire” und “KI-generiert” direkt in das Bild machen. Anderenfalls bestünde das Risiko, dass Rossmann mich abmahnen würde, mit der Begründung es könne ernsthaft jemand glauben, das Bild wäre ein echtes Foto; das heißt, jemand könne glauben, es gäbe einen Drogeriemarkt namens „Eselmann“, in dem ein Kunde an einer Packung Grießbrei riecht, aus der grüner Rauch aufsteigt; währenddessen kotzt das Baby in seinem Arm; die Kassiererin hat zufällig ein „Umtausch ausgeschlossen“-Schild zur Hand; im Hintergrund steht ein Richter; und im exakt gleichen Moment macht jemand von alledem ein Foto.

ACHTUNG SATIRE: Das Bild ist AI-generiert und nein, in dem vorliegenden Fall, der in diesem Blogpost beschrieben wurde, ist kein grüner Rauch aus der Packung aufgestiegen, das Baby hat sich nicht übergeben, die Drogerie hieß nicht Eselmann, die Kassiererin hatte kein “Umtausch ausgeschlossen“-Schild an der Kasse und es war auch kein Richter im Hintergrund zur Stelle, der das Urteil noch vor Ort gesprochen hätte. Das Bild ist eine überspitzte satirische Darstellung. Es ist nicht echt.

Aber als Comic-Darstellung ist es dann laut ChatGPT wieder kein Problem. Darum hier nochmal, weil es so schön ist:

ch finde: Wenn die KI den Prozess gewinnt, darf sie auch das Siegerbild zeichnen. (C) 2026, Prof. Dr. Jöran Beel via ChatGPT

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